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Screaming Orphans ~ The Jacket’s Green / Lonely Boy (2011)

Veröffentlicht am 2. Februar 2014 von Folkaholix
Lonely Boy
Lonely Boy

In den letzten Jahren machen die vier Damen von Katzenjammer viel von sich reden. 2011 legte indes das musische Damenquartett SCREAMING ORPHANS zwei Scheiben auf, die sich in keinerlei Hinsicht hinter denen der Norwegerinnen verstecken müssen. Führen sich letztgenannte vermöge ihres Bandnamens die Qualität ihrer Musik selbst ad absurdum, so vollziehen die „schreienden Waisen“ ebd. Prozess in ebenbürtiger Qualität.

Der namengebende Titel Lonely Boy eröffnet das Album und setzt diese Widersprüchlichkeit fort. Der einsame Junge ist augenscheinlich wenig traurig über seinen Zustand, denn die vier Damen weisen die Einsamkeit musikalisch als Prädikation der Heiterkeit aus. Lonely Boy wird der Selbstzuschreibung als Pop-Rock-Band in jeder Hinsicht gerecht. Die eher folkloristischen Instrumente, Fiddle, Banjo und Bratsche, treten in den Hintergrund, indes Key-Sounds, Gitarre, Schlagzeug in wohlgefällige Einschmeichelung entführen. Intuitiv ohrwurmend kommt jeder Titel des Albums daher, so dass man schon beim ersten Titel meint, die Melodien mitsingen zu können.

Gleich ihren irischen Kollegen von The Corrs können die vier Damen auf eine lange gemeinsame Entwicklung verweisen, denn alle vier sind in einem Haus aufgewachsen. Und wie auch ihre großen Nachbarn verbinden SCREAMING ORPHANS folkloristische, rockige und Popelemente. Leave Me Alone, das aus Titelsicht intuitiv eher auf ein trauriges Du-hast-mir-zwar-das-Herz-gebrochen-aber-ich-schaff-das-Trauer-Klischee schließen ließe, denn die erklingende, fröhlich Ich-hab-dich-längst-vergessen-Hymne, arbeitet beispielhaft mit diesen Elementen. Klatschelemente erklingen nicht in Peripherie, sondern werden integraler Bestandteil des Rhythmus‘. Optisch zeigen sich die Damen wie folgt:

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„Screaming Orphans – „You + Me“ [Official Music Video]“ direkt öffnen

So mäandert das Album Titel um Titel durch die Zeit, wechselt zwischen Heiterkeit und Trauer, karikiert gängige Schablonenmotive und schafft ein eingängiges Stell-Dich-Ein, das viel zu schnell vorbei ist. Gleich einem Horsd’œuvre verlangt es dem geneigten Hörer am Ende nach mehr. Obschon „Ghost Rides in the Sky“ in wunderbar ruhiger Interpretation die Vorspeise exzellent abrundet, bleibt ein hohlzahniges Gefühl zurück. Warum? Weil das Album viel zu kurz ist.

 

Titelliste (Lonely Boy)

  1. Lonely Boy
  2. Beautiful Girl
  3. Leave Me Alone
  4. Maria
  5. The Strong Survive
  6. You + Me
  7. Goodbye
  8. Scream a Little Louder
  9. Say Hello
  10. Ghost Riders in the Sky

 

Screaming Orphans ~ The Jacket’s Green (2011)

The Jacket's Green
The Jacket’s Green

Doch glücklicher Weise waren die Schwestern im letzten Jahr äußerst schaffensfroh und haben noch ein weiteres Album produziert, das die rezensierende Auseinandersetzung der Pop-Damen stilistisch innerhalb des Celtic-Rock-Rahmens quasi-aposteriori legitimiert. In trauter generationsübergreifender Harmonie zeigt das Cover ein ländliches Ernte-Idyll, das ob seines Duktus‘ jedoch nicht dem Kitsch anheim fällt. The Jacket’s Green eröffnet mit der gesanglichen Umsetzung dieses Idylls. Indes sich die vier Damen wie nebenbei in perfekter Vielstimmigkeit verlieren, umspielen Akkordeon und Klavier die getragene Stimmung mit kindlicher Leichtigkeit. Fast ist man geneigt hinter Optik und Ouvertüre die unerträgliche Leichtigkeit des Seins zu vermuten.

The Lark in the Morning, das mancherorts vornehmlich als Fiddle-Interpretation bekannt ist, bricht aber mit diesem Motiv. Banjo, Bodhràn und Akkordeon entführen nun in folkloristische Gefilde. Der sphärische Gesang transformiert sich in Terz-Gesang, indes die Snare den 6/8-Duktus der Rahmentrommel übernimmt. Man meint fast, das Landvolk in wohlfeiler Heiterkeit auf den Wiesen ringelreihend einander zu umgarnen. Der dritte und sechste Titel des Albums sind der durch Aussterben und Reanimationsversuchen gekennzeichneten Landessprache der Damen gewidmet. Gleich dieser diametralen Vereinnahmung durchlebt der Silberling ein Wechselbad der Gefühle.

Die gut-nächtliche Weise Gartan Mother’s Lullaby meistert die Gratwanderung zwischen Traurigkeit und kindlicher Einschlafhilfe. So umspielen eine unendlich weiche Violine und der helle Klang des Akkordeon einander in vormitternächtlicher Harmonie, während Sonne und Horizont über den Waldgestanden in trautem Rot miteinander verschmelzen. Und nach gut durchschlafener Nacht erklingt Whiskey in the Jar und gibt dem tausendfach interpretierten Evergreen eine neue Gewandung. Walking-Bass und Banjo-Picking fundamentieren in unaufgeregter Entgegengesetztheit die Heiterkeit, indes sich das Akkordeon durch das Stück improvisiert. Da unterstellt werden darf, dass selbst in Folk-fernen Genre, wie bspw. durch die Interpretation von Metallica, Hauptmelodie und Refraintext bekannt sein dürften, abstrahiert diese Version vom bekannten und kultiviert die Banjo- und Akkordeon-Nebenstimmen. In Handy-Aufnahme-Manier präsentieren sich die Damen wie hier zu sehen:

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„“Whiskey in the Jar“ Screaming Orphans Live“ direkt öffnen

SCREAMING ORPHANS bezeugen, dass neben den gestanden Größen immer wieder Bands im musischen Äther zu entdecken sind, die durch Virtuosität, Bescheidenheit und Mut zu Neuinterpretation den Absprung ins Blickfeld der Allgemeinheit einfach schaffen müssen. Beide Alben sind grundsätzlich voneinander verschieden, weisen aber insbesondere durch den Gesangsduktus ein tertium komparationis aus, das die Vielfalt eint und zwischen Folk und Pop einen Brückenschlag meistert, der vielerorts zwar als Selbstverständlichkeit hingenommen, viel zu selten jedoch bewusst anerkannt wird. So überwinden die vier Schwestern die Urteil(ung) von Pop und Folk und schaffen mit ihrem Stil eine richtungsweisende Neubeurteilung. Wer auf permanente Offbeat-Monotonie, E-Gitarren-Brachiales und partielle Fiddle-Sounds steht, ist mit diesem Album nicht gut beraten. Wer indes Lust auf gefällige Neuinterpretationen, Hintergrund- aber auch bewusste Zuhörmusik hat, dem sei dieses Album wärmstens empfohlen. Verzichtet man auf das Element des Elitären, so lässt sich durch die Musik von SCREAMING ORPHANS das Ganze erahnen, das der Urteilung vorausgeht und vereint demnach, was notwendig als Einheit zu denken ist?!

 

Titelliste (The Jacket’s Green)

  1. The Jacket’s Green
  2. The Lark in the Morning
  3. Siúbhán Ní Dhuibhir
  4. Gartan Mother’s Lullaby
  5. Whiskey in the Jar
  6. Éamonn An Chnoic
  7. I Must Away Now
  8. The Little Skillet Pot
  9. Down by the Glenside
  10. Draglines
  11. Bonny Kate and Kenny’s Chickens

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Dieser Artikel wurde in „Rezension“ mit den Schlagwörtern Ghost Riders in the Sky, Leave Me Alone, Lonely Boy, Screaming Orphans, The Jacket’s Green von Folkaholix veröffentlicht. Der Autor allein ist für den Inhalt verantwortlich. Lesezeichen setzen.
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