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Im Gespräch mit der italienischen Band Nachtcafé

Veröffentlicht am 1. Juli 2016 von Cera Herbst
Nachcafé
Nachcafé

Jede Minute hat man die Wahl: geht oder bleibt man, spricht oder schweigt man, gibt oder bittet man, springt oder fällt man. Die sechs Musiker der italienischen Band Nachtcafé haben in ihren Liedern immer etwas zu sagen und verschweigen auch tiefere Themen nicht. Geschichten über menschliches, manchmal mit politischer oder literarischer Anlehnung und immer mit einer unverwechselbar warmen Stimme. Alles in einen musikalischen Rahmen, der sich am besten im Genre des Liedermacher, World- und Folk-Jazz eingruppieren lässt.
Die Musiker aus Bozen haben sich offensichtlich für das Geben entschieden. Für Musik, die lebt und die sich laut Bandmotor Gabriele Muscolino ständig weiter entwickelt. Musik, die Menschen die zuhören durchaus mehr bieten kann als kurzweilige Unterhaltung.

Alle sechs bringen dafür perfekte Voraussetzungen und reichlich Erfahrung mit: Multi-Instrumentalist Francesco Brazzo (Klavier, Flöte, Trompete, Gesang) studierte Trompete und lehrt in Bozen Musik, Matteo Facchin (Akkordeon) studierte Cembalo, Klavier, Komposition und Gesang, arbeitete mit dem Schriftsteller Joseph Zoderer zusammen,  Pietro Berlanda beteiligte sich an vielen verschiedenen musikalischen Projekten, u. a. am Theater und mit dem Boheme Orchester von Tento, Marco (Bass) spielte in verschiedenen Bands jeder Art und Bandbreite: Rock, Blues, Jazz, Folk, Flamenco, Lateinamerikanisch und hat u. a. mit dem englischen Singer Songwriter Ed Lauri zusammen gearbeitet. Georg Malfertheiner studierte Schlagzeug und ist ein vielseitiger, anspruchsvoller Arrangeur mit Erfahrung in der Welt der klassischen Musik, Gabriele Muscolino (Gesang , Bouzouki ),  studiere Jazz, schrieb mehrere wissenschaftliche Arbeiten über Musik und veröffentlichte eine Kurzgeschichte.

Wir sprachen mit Gabriele über massentaugliche Lieder und das, was Nachtcafé ausmacht.

 Ihr selbst bezeichnet Euch als Musiker auf einem Schiff des Volksliedes, als Kämpfer des Wortes die die Geschichten der Welt und der Menschheit erzählen. Wie wichtig ist es für Euch dabei die Texte selbst zu schreiben?

Wie kann man das beschreiben? Ich würde mich psychisch tot fühlen, wenn ich nicht selbst Texte schreiben würde. Und zwar in Form eines Liedes – also von Worten, deren Emotionalität durch die Vertonung verstärkt oder untermalt werden. Hier schreibt man zuerst die Musik, dort kommen als erstes die Texte. Was darin steckt, ist in beiden Fällen pulsierendes Leben. Das ist es: wenn man Texte schreibt, fühlt man sich lebendig.

Was ist in dem Zusammenhang der entscheidende Unterschied eigene oder die Texte anderer zu spielen?

Wenn wir Lieder anderer spielen, dann gibt es einen wesentlichen Beitrag unsererseits. Zum Beispiel als Übersetzung ins Italienische bei den Liedern von Wedekind oder Kästner. Damit spüren wir es so, als ob wir diese tolle Chansons selber geschrieben hätten. Ja, als junge Leute haben wir selbstverständlich  Covers gespielt, es war das notwendige Training zum Songwriting: man hat dabei musikalische Strukturen und Dichtung gelernt. Bald entstand aber das natürliche Bedürfnis, eigene Lieder zu komponieren. Wir sind Nachtcafé und es macht keinen Sinn, Tom Waits oder Paolo Conte durch ihre phantastische Lieder sein zu wollen. Was fehlt sind gute neue Lieder, also schreiben wir gute neue Lieder!

Francesco Brazzo
Francesco Brazzo

Ihr seid eine italienische Band mit einem deutschen Namen. Wie ist es dazu gekommen?

Das erkläre ich auch öfter auf den Konzerten: wir wollten zeigen, dass wir aus einem Land – Südtirol eben – mit einer gemischten Identität kommen. In unserem Privatleben erleben wir das ganz deutlich, auch wenn die offizielle Politik diese Tatsache leugnet. Der Name ist aber auch eine Hommage an die deutsche – vor allem Münchner – Kabarettkultur der Jahrhundertwende, die auf Matteo und mich so faszinierend wirken.

Du hast Jazz studiert. Wie kommt man von da in die Liedermacherszene?

Eigentlich habe ich mit den italienischen Liedermachern begonnen! Als kleines Kind, in den Siebziger Jahren, hab ich zu Hause bei meiner Tante die alten Platten aus den 60ern von Fabrizio de André und Domenico Modugno gehört, später dann auch Enzo Jannacci. Das war ja eine Erfahrung! Als Kind fließen diese Worte mit einer Stärke in dich hinein! Erwecken deine Phantasie. Diese Musiker müssen die Buchstaben meines Ausdrucks-Alphabets gestaltet haben, wenn ich die Folgen betrachte… ich kann mir kaum vorstellen, mich in anderen Formen als in den Liedern auszudrücken.

Auf Eurem aktuellen Album erzählt ihr symbolische Schicksale und Emotionen. Ein Vater, der einen Brief an sein ungeborenes Kind schreibt oder skrupellose Männer aus der Berlusconi-Ära. Nur zwei Beispiele einer breit gestreuten Palette. Viele haben einen weltliterarischen Paten wie Dostojewskis „Der Idiot“ oder Victor Hugos „Der lachende Mann“. Sind Euch massentaugliche Herzschmerzlieder zu einfach?

Nein nein, es geht nicht um Einfachheit. Einfach zu sein ist eine beneidenswerte Gabe. Es geht eher um Reichtum und Armut: um die Idee des Menschen und seiner Emotionen bzw. Gedanken. Fast alles was massentauglich ist, ist oberflächlich, oder anders gesagt arm, langweilig. Entspricht nicht der Wahrheit und das Leben in seinen tiefen verstecken Kräften. Jede Zeile die ich schreibe, ist ein Versuch ein Bruchstück der Wahrheit zu fassen. Ich sag nicht, dass es mir gelingt – aber ich versuch es. Ich weiß schon, was Du jetzt fragen willst: gibt es eine Wahrheit? Klar, sag ich Dir, ganz frech. Man kennt sie nicht, aber sie ist da.

Il cono d’ombra ist als letzter Titel des Albums ein Ghosttrack. Welcher Sinn steckt dahinter ein Lied zu „verstecken“?

Ja, es gibt zugleich mehrere Gründe dafür. In erster Linie zeigt das Piano-Arrangement gewollte Ähnlichkeiten mit Istà, das erste Lied unseres Debütalbums Nachtcafé. Um den Kreis zu schließen, platzierten wir Il cono d’ombra als letztes Lied der neuen Cd. Zusätzlich bedeutet „Cono d’ombra“ Kegelschatten: schon im Titel liegt dann das Lied im Schatten, in der Unsichtbarkeit. Vor allem weil es vom Unbewussten und von unseren unbewussten Entscheidungen im Leben handelt. Das Lied lag somit irgendwie  außerhalb von Uomini e no, das ein Konzept-Album über Männer ist. So war es folglich natürlich, es als Ghosttrack zu konzeptionieren.

Es gab bereits mit „The Evil Traveling Show“ ein Wedekind und Brecht Projekt. Sind weitere Projekte in diese Richtung geplant?

Voriges Jahr haben wir an einen großartigen Theaterstück für das Stadttheater Bozen mitgearbeitet – „Gli ultimi giorni di Frank Wedekind“ (Die letzten Tage des Frank Wedekind) vom Dramatiker und Theaterregisseur Michele Flaim, mit dem Südtiroler Schauspieler Peter Schorn. Es wäre spannend dieses Projekt – gleichzeitig eine witzige Komödie und eine ergreifende Tragödie – auch im deutschsprachigen Sprachraum zu spielen.

Gabriele Muscolino
Gabriele Muscolino

Wedekind, Brecht, Dostojewski Goethe, Viktor Hugo, Erich Kästner….Seid ihr alle so belesen?

Da werde ich die anderen Band-Mitglieder fragen, was sie derzeit oder ob sie überhaupt lesen! Die richtige Frage wäre eigentlich: hilft es im Leben, belesen zu sein? Ich antworte lieber nicht… Aber immerhin macht es Spaß, durch Lektüren ein Paar Stunden mit wahrlich genialen Leuten – wie die Herren, die Du genannt hast – zu verbringen. Leider vergesse ich alles, was ich gelesen habe. Vielleicht schreibe ich solche Lieder, um die Herren Kästner & Co. nicht zu vergessen…

Du selbst bist Professor und unterrichtest in einem deutschen Gymnasium italienisch, schreibst Songtexte, spielst Klavier und Gitarre, woraus ziehst du die nötige Kraft für dieses Pensum?

Es ist anstrengend, aber Musik gibt Energie zurück. Einerseits muss man Respekt vor seiner eigenen Lebenskraft haben, anderseits sollen die Musik und die Kunst keine verdünnte Suppe sein. Das sind die Vorteile von diesem halb-professionellen künstlerischen Leben: du kannst Stopp sagen, wenn du willst. Am besten tut man sich mit den langen notwendigen Pausen der Kreativität begnügen. Denn irgendwann kommt es wieder raus.

Zwischen Eurem Debütalbum Nachtcafé und dem aktuellem Album Uomini e no  liegen fünf Jahre. Ich hoffe doch, dass Eure Fans nicht weitere fünf Jahre für ein weiteres Album warten müssen?

Il tempo lo dirà, die Zeit wird es zeigen. Ich sammle derzeit Materialien und habe ein Paar gute neue Lieder und ein grundlegendes neues Konzept für das dritte Album. Aber mehr will nicht darüber verraten. Was mir jedoch wichtig ist, ist die musikalische Seite: in welche Richtung gehen unsere nächste Schritte? Man entwickelt sich, jedes Album ist eine Entdeckung in einen neuen musikalischen Raum und ich spüre klar das Verlangen, auf einer anderen Weise die Stücke akustisch zu arrangieren. Momentan weiß ich klar, was ich nicht will. Noch nicht genau was ich will. Ich ahne es nur, es wird anders sein. Kraftvoller.

Dieser Artikel wurde in „Allgemein, Interview“ mit den Schlagwörtern Francesco Brazzo, Gabriele Muscolino, Georg Malfertheiner, Matteo Facchin, Nachtcafe, Pietro Berlanda von Cera Herbst veröffentlicht. Der Autor allein ist für den Inhalt verantwortlich. Lesezeichen setzen.
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