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Im Gespräch: Daniel Woodtli von JÜTZ

Veröffentlicht am 21. April 2015 von Folkaholix
Wunderbar unsparsam mit Worten: Daniel Woodtli
Wunderbar unsparsam mit Worten: Daniel Woodtli

Unlängst wurde das namenlose Debütalbum der Formation JÜTZ vorgestellt. Nun spricht Daniel Woodtli über sein alpines Selbstverständnis, Freiheit und Heimat, die Vor- und zu umschiffenden Nachteile von Improvisation in der Musik, aber auch über Dasein als Musiker, alltägliche und schöne Erlebnisse und was das Leben so ausmacht. Viel Spaß mit diesem sympathischen Musiker.

 

Gemäß dem ewigen Motto  „Nomen est omen“ würde ich gern wissen, was sich hinter eurem Namen verbirgt,  und inwiefern dieser Gehalt typisch bzw. symptomatisch für eure Musik bzw.  euer Selbstverständnis ist.

Ein Jützli ist ein Jauchzer, oder Jodler, und  hier ist unser Nomen nicht wortwörtlich Omen. Aber im übertragenen Sinne  bedienen wir uns schon explizit der alpinen Folklore. Diese im  mitteleuropäischen Raum überlieferte Musik reicht teilweise bis ins  Mittelalter zurück, wie etwa das Stück „Innsbruck, Ich muss Dich lassen“. Aus dem freigeistlichen, respektvollen Umgang mit diesen Überlieferungen beziehen  wir unsere Identität. Bei uns wird gejodelt, gezupft, kaschiert, verfärbt und  improvisiert.

Apropos Selbstverständnis: Sich folkloristischer  Weisen anzunehmen, gilt bisweilen als Ausdruck übermäßig patriotischen  Empfindens. Inwiefern ist eure Herkunft auch Anlass dieses Albums?

Wichtig  ist sicher, dass wir mit Isa Kurz, Philipp Moll (beide aus Tirol) und Daniel Woodtli (aus der Schweiz) kulturell einen tollen Bogen spannen. Das  zeigt sich schon in einem ersten Blick auf die Innenseite unseres 2015  erscheinenden Debutalbums. Wir vermerken bedacht, aus welcher Region die  jeweiligen Stücke entstammen. Was dabei spannend ist: trotz einer enormen  Ost-West-Spanne des Alpenraumes taucht immer wieder mal dieselbe Melodie oder  ein definitiv sehr nah verwandtes Stück Musik auf: beispielsweise das nur in  unserem YouTube-Video veröffentlichte „Het i di“, das man in Kärtner  Liederbüchern genauso findet wie in der Schweiz. So gesehen überschreiten wir  die veralteten Grenzen der Nationalstaaten und interessieren uns bewusst für  lokale Regionen. Das erlebt man bei uns auch live, wenn wir Stücke aus der  jeweiligen Ortschaft oder Gegend spontan in unserem Programm integrieren – sehr  zur Freude des Publikums. Wir sehen in unserem Schaffen demnach gar keine  Gefahr von übermäßig patriotischem Empfinden, eher betonen wir ein  respektvolles Miteinander, eine gegenseitige Wertschätzung im Alpenraum.

Ihrem Namen nach ein Jauchzer: Jütz
Ihrem Namen nach ein Jauchzer: Jütz

Gemäß eurer Selbstbeschreibung treibt euch die  Rastlosigkeit an, die wohl vornehmlich als kreative verstanden werden darf?  Aber auch lokal seid ihr enorm umtriebig. Wie lassen sich Musikerdasein (mit  all seinen Ansprüchen von Freiheit und Kreativität) in pragmatische Muster,  die für Organisation, Planung und Durchführung von Projekten und Bandreisen  notwendig sind, gewinnbringend verbinden? Oder schließt ihr das kategorisch  aus?

In Organisation, Planung und Durchführung von Projekten und  Bandreisen muss man sehr kreativ sein, zumal wir ja untereinander nicht immer  deckungsgleiche Freiräume haben um zusammenzukommen. Wir betreiben dieses  Ensemble auf höchstmöglichem Niveau, sowohl was den künstlerischen Anspruch  betrifft wie auch die logistische Planung. Anders geht das in einem  professionellen Umfeld gar nicht. Jeder von uns dreien genießt das Privileg,  durch eine musikalische Tätigkeit sein Leben zu finanzieren. Die Strukturen in  diesem Berufsfeld sind sehr unkonstant. Wer nicht überlegt wie man sich  gegenüber dem künstlerischen Umfeld positioniert gerät schnell in eine  Schublade. Dieser Prozess ist konstant am Laufen, auch weil sich der Rahmen,  das Business konstant ändert. Das meinen wir mit „nicht stehen bleiben“: aktiv  und mit Interesse auf unsere Welt einzugehen und sie in unserer Musik zu integrieren. Es stimmt sicher, dass man in manchen Überlegungen pragmatisch agieren muss – und gerade dann, wenn eine Entscheidung richtig war, entsteht dieser enorme Freiraum in dem wir uns frei und kreativ bewegen können: im Konzert, in Proben, im Dialog, in der Weiterentwicklung unserer  Musik.

Eure Musik enthält sowohl traditionelle Klänge,  die anheimelnd und problemlos ins Ohr gehen. Anderseits erklingen bisweilen  „jazzeske“ Kreationen, die dem (ungeschulten) Hörer weniger bekömmlich sind  als die zuvor genannten. Welches Publikum sprecht ihr mit eurer Musik an und  welches wölltet ihr erreichen?

Nach einem unserer Konzerte vergangenen Sommer  kam ein älterer Herr auf uns zu und meinte: „An unserem Tisch saßen drei  Generationen unserer Familie. Ihr habt es zustande gebracht, mit eurer Musik  Menschen unabhängig von Alter und Präferenz zu berühren.“ Das war sicher eines  der tollsten Komplimente, das wir in unserer gemeinsamen Zeit bekommen haben.  Es zeigt, dass unsere Musik das Potenzial hat, sich über stilistische  Vorlieben hinwegzusetzen. Es bedeutet für uns auch ultimativen Freiraum, was  die Gestaltung unserer Musik betrifft. Ein Schlagerstar oder Popstar ist durch  die Vorliebe seiner Fans zu diesem spezifischen Genre, oder einem Hit, auf  ewig an die ständige Wiederholung seines eigenen Klischees gebunden. Diese  Vorstellung ist für Kunstschaffende grauenhaft, und einem Anspruch auf  Weiterentwicklung diametral entgegensetzt. Dieser Gefahr setzen wir uns ganz  bewusst nicht aus, und es scheint zu klappen: ein klassischer Dirigent hat  genauso wenig Berührungsängste mit uns gemeinsam Sache zu machen wie ein  Blasorchester, ein Jazzposaunist oder ein Hüttenwirt. Hoffentlich bleibt das  so.

in heimischen Gestaden
in heimischen Gestaden

Wie seid ihr zusammengekommen und was eint euer  kreatives Beisammensein, das über das Kreative hinausgeht? Hat sich an eurem  Schaffen etwas verändert und was sind die maßgeblich antreibenden Impulse? Wo  soll die Reise hingehen?

Als Philipp nach über einer Dekade als  freischaffender Bassist im UK von London nach Bern übersiedelte, hatte er  bereits Jahre zuvor mit Isa und Daniel in anderen Projekten gemeinsame Sache  gemacht; mit Daniel vor allem im Bereich der freien Improvisation. Die Idee,  diesen geographisch und kulturell einschneidenden Umzug musikalisch umzusetzen  lag eigentlich auf der Hand und Isa war die absolute Wunschkandidatin, eine  Trio-Formation entstehen zu lassen. Man traf sich bei Isa in Tirol und jeder  brachte fünf Stücke zum Jammen mit. Es klickte sofort – nicht einmal drei  Monate später hatten wir bereits ein Video und die ersten Konzertanfragen. Von da an geriet alles ins Rollen.

Bisweilen erlangt euer Klang eine  nahezu brachiale Subtilität. Ist eure Musik einem Gedankenstrom, stream of  consciousness, gleich? Oder ist alles spontan-Wirkende Teil einer guten  Inszenierung?

Das Improvisieren, also der spontane, freie Zugang zur Musik  ist uns sehr wichtig. Dadurch sind wir in der Gestaltung unserer Konzerte sehr  frei. Klar mussten wir uns überlegen, wie wir dieses spontan-Wirkende auf  einen Tonträger bekommen. Auf Abruf einen magischen Moment zu erzeugen gelingt  auch den größten Künstlern nur selten. Ergo war ein Mittelweg, jedoch ohne  Kompromisse einzugehen, nötig. Die Idee mit dem Gedankenstrom stimmt wohl,  auch wenn wir das nicht so formulieren würden. Diese Art des Musizierens  versuchten wir immer wieder während der Aufnahmen festzuhalten. Darauf folgte  allerdings beinahe ein Jahr der Geduld, dieses Material klanglich  weiterzuentwickeln und ihm die endgültige Form zu geben. Das war wichtig, aber  auch ganz schön anstrengend. Wenn man ein Stück mal in über zehn Varianten  gehört hat, braucht es schon ein paar zusätzliche gute Ohren, auf die man sich  im Entscheidungsprozess verlassen muss. Unser Co-Produzent Dizl Gmünder und  unser Mischer in Norwegen, Hakon Holmas, haben hierbei äußerst wertvolle  Arbeit geleistet und haben großen Anteil am Gelingen unseres  Albums.

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Dieser Artikel wurde in „Interview“ mit den Schlagwörtern Daniel Woodtli, Dizl Gmünder, Hakon Holmas, Isa Kurz, Jütz, Philipp Moll von Folkaholix veröffentlicht. Der Autor allein ist für den Inhalt verantwortlich. Lesezeichen setzen.
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