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The Chimney Boys ~ Morality Tales (2010)

Veröffentlicht am 31. Januar 2014 von Folkaholix
Morality Tales
Morality Tales

Die Wahl des Bandnamens THE CHIMNEY BOYS stiftet eingedenk des Mitwirkens zweier Damen nebst dreier Herren einige Verwirrung. Dies trifft im ausschließlich positiven Sinne auch auf ihre stilistische Unverortbarkeit zu. Letztgenannte sorgt bei viel zu wenigen bzw. zehn viel zu kurzen Titeln des Albums „Morality Tales“ für einen außerordentlichen Hörgenuss. Der Opener A Call to Reason zeugt von einem großen Verlangen, Text, Melodie und Tanzbarkeit unter einem Booklet zu vereinen. Mit Fiddle, Schlagzeug, Akkordeon, Gitarre, Klavier, Bouzouki, Banjo, Bass und Gesangfreude wird ans musische Tagwerk gegangen. In Gipsy-Folk-Manier umspielt die Geige leidenschaftlich und facettenreich – und zeugt damit von einer schier unerschöpflichen Kreativität. Bei der Textstelle played pizzicato wird ebenjenes sofort umgesetzt. Andernorts überzeugt die Violine durch Doppelnoten-Tremolo. Dass dabei nicht immer alles Angedachte par excellence umgesetzt wird, trübt den Gesamteindruck keinesfalls, denn Folk dieser Art lebt maßgeblich von situativer Abweichung. Hut ab also vor diesem Fiddlestil!

Gleiches gilt für den – für mancherohr sicher gewöhnungsbedürftigen – gradlinig unverblümten Männergesang (nicht jedoch den weiblichen). Bisweilen kommt der stimmlich überpräsente Hartnäckigkeit etwas zu ungeschminkt daher, wird jedoch zu jeder Zeit dem Gesamtklang gerecht. Angenehm ist allerdings das Wortverschleißen, von dem sich so mancher deutsche „Klugscheißergesang“, der sich allenthalben allzu wichtig nimmt, eine Scheibe abschneiden sollte. Insgesamt geht das Album offenherzig mit schrägen Akkorden um, was dem Czardas-Charakter sehr zuträglich ist. Dabei gelingt den CHIMNEY BOYS der Brückenschlag zwischen folkloristisch einfachem Mutter- und gediegen-vielfältigem Neuland.

(All Raods Lead to) Mickleburgh Mill unterstreicht diese Vielfalt. Eröffnet das Stück beinahe Musikantenstadl-karikierend und poppiger Machtstimme, eröffnet der zweite Teil des Stückes eine wahrhafte Hetzjagd mit einem virtuosen Gitarrensolo, das im Offbeat keine Ende finden mag. Und doch kommt ein erneuter Break. Die Eingangsstimmung ist wieder hergestellt und man meint fast, die treibende Flut sei unmöglich in diesen musischen Kitsch zu integrieren.

Mein Favorit des Albums ist Hannibal, Crossing the Alps. In bester Tangomanier eröffnet das Stück und überrascht von Augenblick zu Augenblick. Das leidenschaftliche Moll wird kurz unterbrochen, indes sich ein einziger klarer Durakkord den Weg ins Gemüt bahnt. Doch kaum hat man sich an den neuen Klang gewöhnt, ist er auch schon wieder passé. Und auch die Geige kommt wieder zu einem wohlverdienten Solo und schmachtet sich durch die Oktaven. Gleichermaßen leidenschaftlich wechselt die weibliche Stimmgewalt zwischen Sinneslust, abweisender Leidenschaft und Spott. Beinahe operettenhafter Vibrato wird von kurzen Sprechpassagen abgewechselt. Ein Hörgenuss sonder gleichen. Diesen Titel kriegt man weder aus den Ohrmuscheln noch aus den Beinen.

Der melancholische Höhepunkt des Albums ist All We Do is Talk. Hier entfaltet die eigenartige Stimmpräsenz eine ganz eigene Wirkung und schleicht sich wie ein oft gehörtes, und dennoch niemals zugeordnetes Motiv in die Erinnerung. So gelingt schon beim ersten Hören eine beinahe unheimliche Intimität – und schließt diese in ein sanftes Violinenflageolett (sphärischen Zwischentönen) ein. Verfechtern vehementen E-Gitarren-Offbeat-Monotonie sei dringlichst von diesem Album abgeraten. THE CHIMNEY BOYS liefern mit „Morality Tales“ ein Silberling ab, der so weit ich die bundesrepublikanische Folklandschaft überblicken kann, seinesgleichen sucht. Mit (instrumentell betrachtet) wenigen Mitteln stürzt die Scheibe seine Hörer in ein Wechselbad musischer Gefühle. Freunde subtiler Fingerfertigkeit und Kreativität sowie folkloristischer Einfachheit sind mit diesem Album bestens beraten. Prädikat: Viel, viel zu kurz!

 

Titelliste

  1. A Call to Reason
  2. (All Raods Lead to) Mickleburgh Hill
  3. Jonathan Wild
  4. The Beach in Winter
  5. Another Minor Victory
  6. Hannibal, Crossing the Alps
  7. All We Do is Talk
  8. Dreamland Margate
  9. An Unromantic Age

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Dieser Artikel wurde in „Rezension“ mit den Schlagwörtern Crossing the Alps, Hannibal, Morality Tales, The Chimney Boys von Folkaholix veröffentlicht. Der Autor allein ist für den Inhalt verantwortlich. Lesezeichen setzen.
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